Wie ich zu Hause für Ruhe sorge

Seit ich meinen Arm gebrochen habe, ist es bei uns zu Hause unglaublich zivilisiert und ruhig. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, liege ich mit meinem eisgekühlten Arm auf der Couch im Wohnzimmer. Unter meinen Argusaugen haben sie ihre Hausaufgaben anzufertigen und dürfen sich erst anderweitig beschäftigen, wenn die Hausaufgaben gezeigt und für gut befunden wurden. Anschließend wird Kaffee getrunken, (vor-)gelesen (derzeit verfolgen wir die Abenteuer von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer) und gespielt. Die Kinder werden nacheinander geduscht, wir essen zu Abend, dann folgt Zähneputzen, Gute-Nacht-Geschichte, Bett – völlig unspektakulär.

Der reguläre Alltag sieht jedoch anders aus: Nach einer halben Stunde Stau, lande ich kurz vor Schließzeit bei dem Hort. In Windeseile suche ich die Kinder („Ich will noch gar nicht nach Hause!“) und das dazugehörige Equipment zusammen, scheuche alle ins Auto, zum Einkaufen, nach Hause. Neben dem Kochen kontrolliere ich die Hausaufgaben („Oh, die habe ich noch gar nicht gemacht.“). Beim Essen kommen wir ein wenig zur Ruhe, dann folgt Zähneputzen, Gute-Nacht-Geschichte, Bett. Unnötig, zu erwähnen, dass dieses Programm gelegentlich ergänzt wird von Violinen- oder Klavierunterricht, Krav Maga und Fechten.

Traumreisen

Es kommt gar nicht so selten vor, dass es im regulären Alltag laut und chaotisch zugeht. Es kommt gar nicht so selten vor, dass es mir zu laut und chaotisch zugeht, und ich verzweifelt nach dem Stummschalter meiner Kinder suche. Ein ganz tolles Werkzeug, das ich im Laufe der letzten Jahre dafür kennengelernt habe, ist die Entspannungsreise oder Traumreise. Bei der Traumreise werden ruhige, sanfte Bilder aus der Natur in das Kopfkino der Traumreisenden eingebracht. Dazu legen sich alle Kinder auf den Rücken, schließen die Augen und legen die Hände locker neben dem Körper ab. Wahlweise kann zusätzlich eine Duftkerze entzündet oder eine Audiodatei mit leisen Naturgeräuschen abgespielt werden. Die Kinder atmen tief ein und aus und ich beginne mit langsamer, leiser, monotoner Stimme zu erzählen:

Die Pusteblume

Stell dir vor, du liegst auf deiner Wiese. Du spürst unter dir den weichen Erdboden und jeden einzelnen Grashalm, der deine Finger sanft im Wind kitzelt. Du hörst das Gras ganz leise im Wind rascheln. Zwischen all den Grashalmen steht eine Pusteblume. Der lange Stängel schwankt leicht, die silbernen Schirmchen warten darauf, vom Wind fortgetragen zu werden.

Eine Hummel brummt träge vorbei. Sie lässt sich auf einer nahe gelegenen Blume nieder.

Die Vögel, die in den Bäumen sitzen, zwitschern ein fröhliches Lied. Eine Amsel landet neben der Pusteblume. Sie scharrt mit den Krallen im Boden, erblickt einen kleinen Zweig und fliegt mit ihm im Schnabel davon.

Die Pusteblume steht stumm auf der Wiese. Vielleicht hört sie zu, was der Wind ihr leise zuflüstert. Vielleicht träumt sie von den Orten, wo der Wind ihre Schirmchen hintragen wird. Ganz leise und ruhig schaukelt sie sanft im Wind. Sie hat alle Ruhe der Welt. Vielleicht spürst du die Ruhe der Pusteblume.

Ein Windstoß löst zwei, drei Schirmchen aus der silbernen Kugel und trägt sie höher und höher. Sie gleiten über die Wiese immer weiter fort. Noch ein Windstoß – viele, viele Schirmchen segeln über die Wiese. Ein dritter Windstoß und alle Schirmchen fliegen von der Pusteblume gelöst in die Weite der Welt. Sie treiben auseinander. Ein Schirmchen bleibt ein wenig zurück und schaukelt über den Gräsern und Blumen. Es fühlt seine Leichtigkeit im Wind und die Schwere der Welt, die es ein wenig hinabzieht. Vielleicht fühlst du die Schwere im fliegenden Samen.

Da kommt noch ein Windstoß und es geht hoch hinaus in den Himmel. Du siehst über dir das weite Blau, hier und da von wenigen Schäfchenwolken unterbrochen. Unter dir siehst du die Erde. Du gleitest hinab und landest nahe am Zaun sanft auf dem Erdboden zwischen den Gräsern und deinen Lieblingsblumen. Rot, blau, gelb, weiß und lila blüht es um dich herum. Du spürst, wie der Wind sanft an dir reißt. Er will dich wieder forttragen. Du bist aber schon halb in den Boden eingesunken und bleibst auf der Wiese zwischen den bunten Blumen und Gräsern nahe beim Zaun. Ein Sonnenstrahl fällt auf dich und du spürst die Wärme der Sonne, die Wärme der Erde. Hier bleibst du.

Die Kraft in dir regt sich. Noch schlummert sie, wie in einem Traum. Im nächsten Jahr wird hier eine neue Pusteblume stehen. Vielleicht kannst du jetzt schon fühlen, wie sie sich leise im Wind wiegt.

Die Ruhe – fühlst du die Ruhe der Pusteblume in dir?

Die Schwere – fühlst du die Schwere der Pusteblume in dir?

Die Wärme – fühlst du die Wärme der Pusteblume in dir?

Die Kraft – fühlst du die Kraft der Pusteblume in dir?

Traumreise

Es gibt viele Ideen für Traumreisen. Sie alle spielen in der Natur und bei allen haben die Kinder ihre Vorstellung auf die langweiligen, wohlvertrauten Bilder in der Natur zu achten.

Mich begeistert bei den Traumreisen, dass sich jedes meiner Kinder davon einfangen lässt, sei es der siebenjährige Wildfang oder der dreizehnjährige Pubertär. Sie alle brauchen gelegentlich eine Auszeit und sind hinterher wunderbar entspannt und ruhig.

Wenn du zu Hause auch einen oder mehrere Wildfänge hast und die Traumreise als Wunderwaffe gegen Lärm und Chaos einsetzen möchtest, wirst du im Internet neben dem obigen Beispiel viele andere (unterschiedliche) Traumreisen finden. Probiere diesen tollen Lautstärkeregler aus und berichte mir gerne von deinen Erfahrungen.

 

Träum‘ und reise süß!

 

Als die Sterne vom Himmel fielen

Gute-Nacht-Geschichte

Schnell sammelte Sterntaler die herabgefallenen Sterne in ihr neues Hemd, doch es waren so viele, dass sie nicht alle tragen konnte. Glitzernd und funkelnd bedeckten die Sterne den Waldboden.

Das Kind, dem sie ihr letztes Hemd gegeben hatte, staunte sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Du bist eine Zauberin!“, rief es aus.

„Nein“, lächelte Sterntaler. „Aber irgendjemand möchte, dass wir nicht mehr traurig sind und hat uns dafür die Sterne gesandt. Aber nun lass uns zur Ruhe legen. Es ist schon spät.“

Unter einem Baum bereiteten sie sich aus Moos und Gras eine Schlafstätte und sowie ihre Köpfe auf die weichen Kissen sanken, fielen sie in tiefen Schlaf mit wunderbaren Träumen.

Am nächsten Morgen erwachten sie, als die ersten Sonnenstrahlen sie an der Nase kitzelten. Sie reckten und streckten sich ausgiebig, schlugen die Augen auf und erschraken. Eine bunte Ansammlung an Waldtieren hatte sich auf ihrer Lichtung eingefunden. Ein kleiner Hase mit einer Mohrrübe im Schnäuzchen löste sich aus ihrer Mitte und hoppelte auf Sterntaler zu. Er legte die Mohrrübe vor Sterntaler auf dem Waldboden ab und sagte: „Wir möchten dir gerne unseren Dank erweisen, dass du auf das Wohl Anderer achtest. Nun ist es an der Zeit, dass sich auch um dein Wohl gekümmert wird. Bitte nimm unsere Geschenke an.“

Das Häschen hoppelte wieder zurück und verschwand in der Menge. Nun kamen alle Tiere nacheinander und legten ihre Gaben zu der Möhre auf den Waldboden: Das Eichhörnchen brachte Haselnüsse, der Bär ein Töpfchen voll Honig, die Mäusefamilie Körner und Beeren und die Schmetterlinge brachten bunte Blumengirlanden, die sie den Kindern sogleich um die Hälse hängten. Das Reh trat vor Sterntaler, lächelte es sanft mit seinen freundlichen, braunen Augen an und sagte: „Meine Gabe kann ich nicht hierher bringen. Aber bitte folgt mir, dann bringe ich euch zu meinem Geschenk.“

Die zwei Kinder, die sich in der Zwischenzeit von ihren Schlafstätten erhoben hatten, verstauten ihre Taler und die überbrachten Gaben in ihren Hemden und folgten dem Reh immer tiefer in den Wald hinein. Alle Tiere begleiteten sie. Sie liefen vorbei an plätschernden Waldbächen mit kleinen Wasserfällen, über eine kleine, morsche Holzbrücke, einen kleinen Hügel bergauf, eine steile Treppe, die zwischen zwei Felsen tief nach unten führte, hinab, einen geschlängelten Weg entlang, an einem verfallenen Schlösschen und an einer bunt leuchtenden Blumenwiese vorbei, bis sie schließlich vor einem hübschen Häuschen standen und das Reh sagte: „Wir sind da.“ Auf ihrem Weg hatten sie das Kind getroffen, welchem Sterntaler seine Mütze geschenkt hatte, und den alten Mann, dem es sein Stück Brot gegeben hatte, und sie hatten sich der merkwürdigen Wandertruppe angeschlossen. Froh, ihr Ziel erricht zu haben, rieben sie sich ihre schmerzenden Füße.

Mit seiner weichen Schnauze klopfte das Reh dreimal an die sonnengelb gestrichene Holztür und trat einen Schritt zurück. Es dauerte nicht lang, da öffnete eine junge Frau mit Kochschürze und einem Kochlöffel in der Hand die Tür und lächelte verwundert die Besucher an.

„Liebe Frau“, sprach das Reh, „ich weiß, dass ihr euch schon lange vergeblich Kinder wünscht. Diese Kinder, die wir zu euch führten, haben durchweg ein gutes Herz, kümmern sich um das Wohl Anderer und wurden selbst vom Glück verlassen, sodass sie weder Vater noch Mutter haben. Und auch dieser alte Mann hat niemanden mehr auf der Welt. Sie können die Familie sein, die ihr euch schon lange wünscht.“

Glücklich fielen sich alle in die Arme und versprachen einander, von nun an gegenseitig auf sich aufzupassen.

Mit Freudentränen in den Augen trat Sterntaler zu dem Reh, umarmte es und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich danke dir, lieber Freund“, sagte es. „Dank dir bin ich nun so viel reicher, als es alle Sterne der Welt gemeinsam je vermocht hätten.“