Die neuen Nachbarn

Kathrin und Florian saßen beim Abendessen.
„Jetzt hört auf, zu kippeln!“, mahnte die Mutter, als plötzlich ein Geräusch ertönte. Es hörte sich so an, wie damals in der früheren Wohnung, wenn in der Wohnung über ihnen die Kinder polterten. Doch sie waren heute umgezogen. Und über ihnen wohnte niemand. Sie schauten sich erstaunt an.
„Vielleicht wohnt jemand auf dem Dach?“, mutmaßte Kathrin.
„Oder die Nachbarn unter uns laufen an der Decke“, lachte Florian. Sie kicherten.
„So ein Unsinn“, widersprach ihre Mutter. „Niemand kann an der Decke laufen.“
Sie brachte die Kinder ins Bett, löschte das Licht und zog die Tür hinter sich zu.
Kathrin und Florian hielten die Luft an und lauschten. Die Schritte der Mutter wurden immer leiser und verklangen schließlich, als sie sich im Wohnzimmer vor den Fernseher setzte. Noch immer erklangen die sonderbaren Geräusche.
„Jetzt!“, zischte Florian und sie stiegen leise aus ihren Betten. Sie öffneten lautlos die Tür und schlichen den Flur entlang. An der geöffneten Wohnzimmertür schmulte Florian vorsichtig in den Raum und winkte Kathrin dann weiter.
Schließlich hatten sie es geschafft und zogen die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Ups, das war jetzt lauter als geplant.

Egal! Auf Zehenspitzen schlichen sie die Treppe hinunter. Nun fiel ihnen auf, dass bereits die Wohnungstür der unter ihnen Wohnenden ganz sonderbar aussah. Schwarz und nicht braun, wie die übrigen Wohnungstüren im Haus und mit vielen sonderbaren, dunkelroten Zeichen versehen.

„Psssst, Kathrin, schau mal!“ Florian zeigte auf den Spalt zwischen Tür und Rahmen. „Die Tür ist nur angelehnt.“ Leise drückte Florian die Tür auf und sie huschten in die Wohnung.

Sie betraten ein Zimmer, dass durchaus als Kinderzimmer hätte durchgehen können, doch sonderbarerweise lagen die Spielzeuge nicht am Fußboden, sondern an der Decke verstreut. Florian und Kathrin blieb staunend der Mund offenstehen. An der Decke hockte kopfüber ein bleicher, schwarzgekleideter Junge in ihrem Alter und spielte mit seinen Kuscheltieren. Fledermäuse – erkannte Florian auf den zweiten Blick.

Der Junge drehte seinen Kopf komplett herum und schaute Kathrin und Florian aus tiefroten Augen an. „Kommt hinauf und spielt mit mir“, bat er und lächelte sie freundlich an. „Wir können mit meiner Murmelbahn spielen.“

Und ehe sie sich versahen, hockten sie auch schon oben neben dem Jungen, der sich als Cedric von Wurzelpurzel vorstellte. Sie spielten mit der Murmelbahn, wobei die Murmeln nicht wie gewohnt von oben nach unten rollten, auch nicht wie anscheinend alles andere entgegengesetzt von unten nach oben, sondern quer durcheinander. Nach oben, nach unten, rund um sie herum und zwischen ihnen durch.

Als um Mitternacht der Vollmond silbern ins Zimmer schien, erhob sich Cedric von Wurzelpurzel von der Decke. „Es ist Zeit für das Mitternachtsessen. Ich muss mich jetzt leider von euch verabschieden.“

Und leise schlichen sich Florian und Kathrin zurück in ihre Betten. Sie kicherten. Das war ihr persönliches Geheimnis. Wenn die Eltern das wussten…

Die Kaugummiblase

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das kaute jeden Tag von früh bis spät Kaugummi und pustete dabei immer wieder Kaugummiblasen, die mit einem lauten „Plopp“ zerplatzten, daher wurde sie von allen nur „Ploppi“ genannt.

Ploppis Traum war es, die größte Kaugummiblase auf der ganzen Welt zu erschaffen, und so übte sie tagein, tagaus. Sie testete, welche Kaugummis sich am besten aufblasen ließen, die Blasen welcher Kaugummis sich am längsten hielten und welche Kaugummiblasen am schönsten anzusehen waren. Sie testete Pfefferminzkaugummis, Kaugummis mit Fruchtgeschmack, Kaugummis mit Cola-Geschmack, Streifenkaugummis, Kaugummikugeln, Kaugummi-Lutscher und Kaugummi-Dragees. Schließlich entschied sie sich für einen zartrosa glänzenden Kaugummi mit Erdbeergeschmack, der die höchste Festigkeit von allen aufwies.

Nach wochenlanger Vorbereitung sollte heute der große Tag sein. Ploppi hatte in der Nacht vor Aufregung kaum geschlafen, trotzdem sprang sie frühmorgens aus dem Bett und verschwand nach dem Frühstück gleich auf den Spielplatz, wo sie alle ihre Freunde und alle Kinder aus dem Viertel für heute herbestellt hatte. Es waren sogar die großen Jungen mit ihren Smartphones gekommen.

Ploppi stellte sich auf die Holzbrücke, wo alle sie sehen konnten, und griff in ihr Handtäschchen. Sie hatte ihr Taschengeld von drei Wochen komplett in Kaugummis investiert und ihr Täschchen war bis zum Rand mit ihnen gefüllt. Nun nahm sie sich einen, wickelte ihn aus dem Papier und steckte ihn in den Mund. Sie kaute ihn weich und probierte zwei kleine Kaugummiblasen, die mit einem lauten „Plopp“ zersprangen. Ehrfurchtsvoll schauten die auf dem Spielplatz versammelten Kinder zu ihr hoch und wurden ungeduldig. Ein paar kleinere Kinder kletterten die Holzbrücke hoch und setzten sich zu ihren Füßen, um besser sehen zu können.

Ploppi griff erneut in ihr Handtäschchen, holte den nächsten Kaugummi heraus, wickelte ihn aus und ließ ihn in ihrem Mund verschwinden. So fuhr sie fort, bis ihre Backen aussahen wie aufgepustet, doch noch immer steckte sie weiterhin einen Kaugummi nach dem anderen in den Mund, bis sich in ihrem Täschchen nur noch die leeren Kaugummipapiere befanden.

„Aaaaachtng!“, rief sie mit vollem Mund. „Ef geht lof!“ Sie kaute noch einmal gründlich den gesamten Klumpen durch, streckte ihre Zunge heraus und blies. Und blies. Und blies. Immer größer und größer wurde die Kaugummiblase und immer größer und größer wurden die Augen der umstehenden Kinder und die großen Jungen machten mit ihren Smartphones ein Foto nach dem anderen oder filmten Ploppis Rekordversuch. Der Erdbeergeruch des Kaugummis erfüllte den gesamten Spielplatz. Und noch immer blies Ploppi und noch immer wurde die Kaugummiblase immer größer – und plötzlich geschah es: Während Ploppi in den Kaugummi blies und die Kaugummiblase immer größer wurde, erhob sich Ploppi langsam, ganz langsam in die Luft. Eines der umstehenden Kinder reagierte schnell und hängte sich an Ploppis Füße, doch nun schwebten sie zusammen nach oben. Ploppi blies immer weiter. Sie stiegen immer höher. Immer mehr Kinder hängten sich an die Füße des jeweils vorigen Kindes, doch so sehr sie versuchten, Ploppi wieder hinab zu ziehen, es gelang ihnen nicht. Ploppi stieg indes immer höher. Sie war schon an den Baumwipfeln vorbeigeschwebt, an den Hausdächern, an den Vögeln, die gerade Richtung Süden flogen, hatte nun auch die Wolken hinter sich gelassen und schwebte geradewegs auf das Weltall zu. Ihr Kopf durchstieß die Erdatmosphäre. Sie befand sich im Weltall und sie sah um sich herum die Sterne funkeln und glitzern. Langsam fühlte sie, während sie immer noch in den Kaugummi blies, dass der Kaugummi nun langsam zum Ende kam. Sie hörte auf zu pusten und schlagartig hörte die Kaugummiblase auf zu steigen. Als Ploppi hinunterschaute, war der Spielplatz so klein, dass sie ihn gar nicht mehr sehen konnte. Stattdessen sah sie die Kette aus Kindern, die an ihr hing und so lang war, dass sie ihr Ende nicht sehen konnte. Tatsächlich reichte die Kette genau bis auf den Spielplatz. In dem Moment, als sich das letzte Kind an die Kette gehängt hatte, hatte die Kaugummiblase aufgehört, zu steigen.

Ratlos schaute Ploppi sich um. Wie sollte sie wieder hinunter zur Erde gelangen? Die Sterne sausten um sie herum und versuchten, sie zum Spielen zu überreden. Aus ihren Schweifen sprühte dabei funkelnder Sternenstaub, der alle Kinder zum Glitzern brachte. Ploppi griff nach der Kaugummiblase, sodass sie die Kaugummiblase wie einen riesigen Ballon in der Hand hielt und den Mund zum Sprechen wieder frei hatte. „Was machen wir nun?“, fragte sie ratlos.

„Wir brauchen eine Nadel, damit wir ein Loch in die Kaugummiblase stechen können“, schlug ein Kind vor.

„Nein, dann zerplatzt die Blase und wir fallen alle auf die Erde“, rief ein anderes.

„Ich kenne einen Trick“, sagte Ploppi. „Ich brauche dafür einen Streifen Klebeband und eine Nadel.“

Und einer zum nächsten – wie bei der stillen Post – gab weiter, dass Ploppi einen Streifen Klebeband und eine Nadel brauchte. Und als die Stille Post auf dem Spielplatz ankam, hatten sich schon die besorgten Mütter und Väter der Kinder eingefunden. Ploppis Mutter hatte tatsächlich eine Nadel und einen Streifen Klebeband dabei, die sie eilig den Kindern gab, damit sie beides nach oben weiterreichen konnten. Und Ploppi klebte das Klebeband auf den Kaugummi-Ballon und stach dann mit der Nadel hindurch. Wie sie es von normalen Luftballons kannte, entschwand die Luft so langsam aus dem Kaugummi, dass sie ganz sanft dem Boden entgegenschwebten und sicher landeten.

 

„Schade, dass niemand ein Foto von meiner Kaugummiblase gemacht hat, als sie am allergrößten war“, sagte Ploppi abends. Sie hatte sich bei ihrer Mutter, die auf der Couch saß, angekuschelt.

„Pssst“, sagte ihre Mutter und legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Die Nachrichten fangen jetzt an.“

Die Nachrichtenmelodie ertönte und verstummte wieder.

„Guten Abend, meine Damen und Herren“, begann der Nachrichtensprecher. „Im Weltall wurde heute die allergrößte Kaugummiblase gesichtet. Mit unseren Satelliten konnten wir folgendes Foto aufnehmen.“

Im Fernsehen erschien ein Foto von Ploppis zartrosa glänzender Kaugummiblase, als sie am allergrößten war. Auch Ploppi und die Kinderkette waren ganz deutlich zu sehen. Ploppi strahlte über das ganze Gesicht. Plötzlich hörte sie ein Zischen aus ihrer Hosentasche und als sie hineingriff, hielt sie einen funkelnden, Glitzerstaub versprühenden Stern in der Hand. Er musste sich im Weltall in ihre Hosentasche verirrt haben und lächelte sie jetzt an. Und da war sich Ploppi sicher, dass sie diesen Tag niemals vergessen würde.

Als die Sterne vom Himmel fielen

Gute-Nacht-Geschichte

Schnell sammelte Sterntaler die herabgefallenen Sterne in ihr neues Hemd, doch es waren so viele, dass sie nicht alle tragen konnte. Glitzernd und funkelnd bedeckten die Sterne den Waldboden.

Das Kind, dem sie ihr letztes Hemd gegeben hatte, staunte sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Du bist eine Zauberin!“, rief es aus.

„Nein“, lächelte Sterntaler. „Aber irgendjemand möchte, dass wir nicht mehr traurig sind und hat uns dafür die Sterne gesandt. Aber nun lass uns zur Ruhe legen. Es ist schon spät.“

Unter einem Baum bereiteten sie sich aus Moos und Gras eine Schlafstätte und sowie ihre Köpfe auf die weichen Kissen sanken, fielen sie in tiefen Schlaf mit wunderbaren Träumen.

Am nächsten Morgen erwachten sie, als die ersten Sonnenstrahlen sie an der Nase kitzelten. Sie reckten und streckten sich ausgiebig, schlugen die Augen auf und erschraken. Eine bunte Ansammlung an Waldtieren hatte sich auf ihrer Lichtung eingefunden. Ein kleiner Hase mit einer Mohrrübe im Schnäuzchen löste sich aus ihrer Mitte und hoppelte auf Sterntaler zu. Er legte die Mohrrübe vor Sterntaler auf dem Waldboden ab und sagte: „Wir möchten dir gerne unseren Dank erweisen, dass du auf das Wohl Anderer achtest. Nun ist es an der Zeit, dass sich auch um dein Wohl gekümmert wird. Bitte nimm unsere Geschenke an.“

Das Häschen hoppelte wieder zurück und verschwand in der Menge. Nun kamen alle Tiere nacheinander und legten ihre Gaben zu der Möhre auf den Waldboden: Das Eichhörnchen brachte Haselnüsse, der Bär ein Töpfchen voll Honig, die Mäusefamilie Körner und Beeren und die Schmetterlinge brachten bunte Blumengirlanden, die sie den Kindern sogleich um die Hälse hängten. Das Reh trat vor Sterntaler, lächelte es sanft mit seinen freundlichen, braunen Augen an und sagte: „Meine Gabe kann ich nicht hierher bringen. Aber bitte folgt mir, dann bringe ich euch zu meinem Geschenk.“

Die zwei Kinder, die sich in der Zwischenzeit von ihren Schlafstätten erhoben hatten, verstauten ihre Taler und die überbrachten Gaben in ihren Hemden und folgten dem Reh immer tiefer in den Wald hinein. Alle Tiere begleiteten sie. Sie liefen vorbei an plätschernden Waldbächen mit kleinen Wasserfällen, über eine kleine, morsche Holzbrücke, einen kleinen Hügel bergauf, eine steile Treppe, die zwischen zwei Felsen tief nach unten führte, hinab, einen geschlängelten Weg entlang, an einem verfallenen Schlösschen und an einer bunt leuchtenden Blumenwiese vorbei, bis sie schließlich vor einem hübschen Häuschen standen und das Reh sagte: „Wir sind da.“ Auf ihrem Weg hatten sie das Kind getroffen, welchem Sterntaler seine Mütze geschenkt hatte, und den alten Mann, dem es sein Stück Brot gegeben hatte, und sie hatten sich der merkwürdigen Wandertruppe angeschlossen. Froh, ihr Ziel erricht zu haben, rieben sie sich ihre schmerzenden Füße.

Mit seiner weichen Schnauze klopfte das Reh dreimal an die sonnengelb gestrichene Holztür und trat einen Schritt zurück. Es dauerte nicht lang, da öffnete eine junge Frau mit Kochschürze und einem Kochlöffel in der Hand die Tür und lächelte verwundert die Besucher an.

„Liebe Frau“, sprach das Reh, „ich weiß, dass ihr euch schon lange vergeblich Kinder wünscht. Diese Kinder, die wir zu euch führten, haben durchweg ein gutes Herz, kümmern sich um das Wohl Anderer und wurden selbst vom Glück verlassen, sodass sie weder Vater noch Mutter haben. Und auch dieser alte Mann hat niemanden mehr auf der Welt. Sie können die Familie sein, die ihr euch schon lange wünscht.“

Glücklich fielen sich alle in die Arme und versprachen einander, von nun an gegenseitig auf sich aufzupassen.

Mit Freudentränen in den Augen trat Sterntaler zu dem Reh, umarmte es und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich danke dir, lieber Freund“, sagte es. „Dank dir bin ich nun so viel reicher, als es alle Sterne der Welt gemeinsam je vermocht hätten.“