Robin und der Pudding

Robin und der PuddingDie Sonne strahlte vom Himmel, als Robin heute von der Schule nach Hause kam. Das Essen war gerade fertig und bereits, als er das Haus betrat, roch er, dass es zum Nachtisch Vanille-Pudding geben werde.

Nach dem Mittagessen holte seine Mutter die große Schüssel Vanille-Pudding und drei Schüsseln auf den Tisch: Eine für sich selbst, eine für Robin und eine für seine Schwester Ronja, die heute nach der Schule mit einer Freundin verabredet war. Sie befüllte die Schüsseln gleichmäßig und stellte die für Ronja sorgfältig verschlossen in den Kühlschrank.

Als sie den Pudding gegessen hatten, ging die Mutter hinaus, um in dem Garten zu arbeiten, und Robin in sein Zimmer, um Hausaufgaben zu machen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schlug das Mathe-Buch auf, aber seine Gedanken wanderten immer wieder zu der Puddingschüssel im Kühlschrank. Ronjas Puddingschüssel!, ermahnte er sich selbst und schrieb ordentlich das Datum in sein Heft. Doch er konnte sich nicht konzentrieren, weil er immer wieder an die Puddingschüssel im Kühlschrank denken musste. Es wird niemandem auffallen, wenn ich ein ganz kleines bisschen probiere, dachte Robin bei sich und schlich in die Küche. Durch das Fenster sah er seine Mutter zwischen den Blumen Unkraut zupfen, als er leise den Kühlschrank öffnete und sich schnell einen kleinen Löffel voll Pudding in den Mund schob. Ganz leise verschloss er Pudding und Kühlschrank wieder und schlich zurück in sein Zimmer.

Robin hatte die erste Aufgabe in seinem Heft gerechnet, als er wieder an den Pudding im Kühlschrank denken musste. Sosehr er auch versuchte, seine Gedanken auf die Hausaufgaben zu richten, konnte er doch den Pudding nicht aus seinem Kopf bekommen. Es ist noch so viel Pudding in der Schüssel. Niemand wird es merken, wenn ich mir noch ein kleines bisschen nehme, beschloss Robin und schlich sich wieder in die Küche. Die Mutter war noch immer im Garten beschäftigt. Schnell schob sich Robin einen Löffel voll Pudding in den Mund und noch einen hinterher, weil er so unglaublich gut schmeckte. Dann setzte er sich wieder an seine Hausaufgaben.

Noch dreimal wiederholte Robin den Gang in die Küche. Als er mit seinen Hausaufgaben fertig war und sich zum allerletzten Mal in die Küche schlich, stellte er fest, dass in der Schüssel kaum noch Pudding vorhanden war. Dann kann ich ihn auch gleich aufessen!, dachte Robin bei sich und verschlang den letzten Rest. Und als die Schüssel jetzt so leer dastand, fiel ihm auf, was er getan hatte. Er hatte den kompletten Pudding seiner Schwester aufgegessen. Ronja würde fürchterlich böse werden, wenn sie heimkam und der Pudding leer war, und auch die Mutter würde fürchterlich mit ihm schimpfen. Was sollte er jetzt tun? Alle wären auf ihn sauer und keiner hätte ihn mehr lieb.

Robin lief hinaus in den Garten, an der Mutter vorbei, zielstrebig auf eine Hecke zu, hinter der er ein Loch im Zaun wusste. Er kroch hinter die Hecke, zwängte sich durch das Loch und lief fort. Immer weiter und weiter den staubigen Weg entlang. Er achtete nicht auf seine Umgebung und lief immer weiter. Außer Atem blieb er irgendwann stehen und schaute sich um. Er stand auf einer kleinen Waldlichtung. Sanft funkelte das Sonnenlicht durch die Blätter, die sich leicht im Wind bewegten. Als Robin sich die Bäume genauer betrachtete, war es ihm, als versteckten sich Gesichter in den knorrigen Stämmen. Auch die Pflanzen sahen eigentümlich aus, wie man sie sich sonst nur im Märchen vorstellte – als ob der Wald lebte.

„Erschrick nicht, mein Junge“, hörte Robin eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und stand vor einer alten Frau, die eine Mischung aus lieber Oma und Kräuterhexe zu sein schien. Ihr graues Haar war zu einem perfekten Dutt zusammengebunden, ihre Hände waren beinahe so knorrig wie die Baumstämme und ihr Rücken buckelte sich, so dass sie beinahe einen halben Kopf kleiner war als Robin. An ihrem Arm baumelte ein Korb, der mit Pilzen und Kräutern gefüllt war.

„Guten Tag!“, sagte Robin. „Wer sind Sie? Und wo bin ich hier?“

„Ich bin Pistazia und dies ist der Wald, in dem ich wohne“, antwortete die alte Frau. Ihre Stimme war sanft und lud Robin ein, Vertrauen zu haben. „Du siehst aufgebracht aus. Möchtest du mir erzählen, was passiert ist? Vielleicht kann ich dir helfen.“ Sie setzte sich auf den größeren von zwei nebeneinanderstehenden Baumstümpfen, die Robin vorher nicht bemerkt hatte, und klopfte auf den kleineren, um Robin zum Sitzen einzuladen. Er setzte sich und erzählte der alten Frau, was vorgefallen war.

„Du liebst also Pudding und könntest dir vorstellen, jeden Tag, tagein, tagaus nur Pudding zu essen“, stellte Pistazia fest, nachdem Robin seine Geschichte beendet hatte.

Robin nickte. „Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als zwinge der Pudding mich, ihn zu essen.“

„Du darfst mit mir kommen, bei mir wohnen und dich jeden Tag mit den köstlichsten Puddings bekochen lassen, wenn du das möchtest. Ich habe mir schon lange jemanden gewünscht, den ich umsorgen darf, doch bin ich nur eine alte Frau und habe niemanden mehr auf der Welt. Wenn du einverstanden bist, bringe ich dich zu mir nach Hause.“

Robins Augen leuchteten. Dies war sein allergrößter Traum und nun war er endlich wahrgeworden. Er erklärte sich einverstanden und gemeinsam gingen sie tiefer in den Wald hinein, bis sie vor einem kleinen Häuschen standen, das aussah wie ein überdimensionierter, unglaublich leckerer Cupcake mit Fenstern und einer Tür. Pistazia öffnete die Tür und bat ihn herein. Auch im Inneren erinnerte alles an Törtchen, Zuckerguss und Marzipan und es lag ein verführerischer Geruch von heißer Schokolade in der Luft, sodass Robin sogleich das Wasser im Mund zusammenlief.

„Geh dir die Hände waschen und setze dich an den Tisch“, forderte Pistazia ihn auf. „Es ist nun Zeit für das Abendessen.“ Und während er tat, was sie ihm aufgetragen hatte, deckte sie den Tisch und stellte eine große Schüssel Karamell-Pudding und dazu eine Tasse mit dampfendem Kakao auf Robins Platz.

„Ist das alles für mich?“, fragte Robin ungläubig, als er die große Schüssel auf seinem Platz sah.

Pistazia lächelte. „Natürlich. Es ist alles für dich. Ich weiß ja, wie sehr du Pudding liebst.“ Sie selbst nahm sich ein Vollkornbrötchen, das sie mit Butter, Tomaten und den Kräutern, die sie im Wald gepflückt hatte, belegte und ließ es sich schmecken.

So blieb Robin zunächst ein paar Tage bei Pistazia, wurde verwöhnt mit Puddings, Kuchen, Törtchen, süßem Brei und heißer Schokolade. Aus ein paar Tagen wurden ein paar Wochen und schließlich ein paar Monate. Robin war nun schon ein halbes Jahr bei Pistazia und noch immer bestand jede Mahlzeit hauptsächlich aus Pudding. Neidisch betrachtete Robin ihre Mahlzeiten, die aus Kartoffeln, Gemüse, Reis, Nudeln und Braten bestanden, aber er traute sich nicht, danach zu fragen, da er ja gesagt hatte, er wolle für den Rest seines Lebens nur noch Pudding essen.

So kam es, dass er eines Tages den Vanille-Pudding, den er früher so sehr geliebt hatte, nach vier Löffeln von sich schob. „Ich bin schon satt“, sagte er. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, noch einen weiteren Löffel Pudding zu essen.

„Aber ich habe den ganzen Pudding für dich gemacht. Es wäre schade, ihn wegzuwerfen. Bitte iss ihn auf.“ Und Pistazias Stimme machte deutlich, dass sie keinen Widerspruch duldete. Gequält nahm Robin den Löffel und zwang sich, den restlichen Pudding zu essen. Als die Schüssel leer war, hatte Robin Bauchschmerzen.

„Bitte, Pistazia, darf ich heute mit dir gemeinsam von den köstlichen Kartoffeln essen statt des Puddings?“, fragte Robin am nächsten Morgen, bevor Pistazia gekocht hatte. Ihm wurde schon schlecht, wenn er nur an Pudding dachte. Ganz entfernt erinnerte er sich daran, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der er alles für eine Schüssel Pudding gegeben hätte.

Pistazia bekam schlechte Laune. „Nein. Du hast gesagt, dass du Pudding so sehr liebst, dass du den Rest deines Lebens nur noch Pudding essen möchtest. Ich koche für dich Pudding.“

Und so kochte sie auch weiterhin tagein, tagaus zu jeder Mahlzeit die köstlichsten Puddings für Robin, während Robin sich immer sehnlicher zu seiner Familie zurückwünschte. Und eines Tages, als Pistazia in den Wald gegangen war, lief er aus dem Haus. Er lief immer weiter und immer schneller den Weg zurück, den er vor so langer Zeit hergekommen war. Er lief vorbei an der Lichtung, an der er Pistazia getroffen hatte, den langen, staubigen Waldweg entlang und immer weiter, bis er wieder vor dem Zaun mit dem Loch stand. Er zwängte sich hindurch, kroch an der Hecke vorbei und stand vor seiner Mutter, die noch immer im Garten arbeitete. Er warf sich ihr in die Arme und schluchzte.

„Nanu, Robin, was ist los? Wo kommst du her?“, fragte seine Mutter verwundert und da beichtete er, dass er Ronjas Pudding gegessen hatte und nicht wollte, dass sie auf ihn böse waren.

„Es ist gut, dass du es erzählt hast“, sagte seine Mutter „aber du musst dich trotzdem auch bei Ronja entschuldigen, wenn sie nach Hause kommt.“

Und da stellte Robin überglücklich fest, dass es immer noch der gleiche Tag war, an dem er den Pudding seiner Schwester gegessen hatte und er nicht ein halbes Jahr fortgewesen war. Aber trotzdem hat er seit diesem Tag nie wieder einen Pudding angerührt.

Eine Antwort auf „Robin und der Pudding“

  1. Diese Zeilen sind sehr schön geschrieben ,wenn ich noch kleine Kinder hätte ,würde ich es sofort kaufen .
    Mach weiter so und lass noch viele Herzen höher schlagen .

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