Die Kaugummiblase

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das kaute jeden Tag von früh bis spät Kaugummi und pustete dabei immer wieder Kaugummiblasen, die mit einem lauten „Plopp“ zerplatzten, daher wurde sie von allen nur „Ploppi“ genannt.

Ploppis Traum war es, die größte Kaugummiblase auf der ganzen Welt zu erschaffen, und so übte sie tagein, tagaus. Sie testete, welche Kaugummis sich am besten aufblasen ließen, die Blasen welcher Kaugummis sich am längsten hielten und welche Kaugummiblasen am schönsten anzusehen waren. Sie testete Pfefferminzkaugummis, Kaugummis mit Fruchtgeschmack, Kaugummis mit Cola-Geschmack, Streifenkaugummis, Kaugummikugeln, Kaugummi-Lutscher und Kaugummi-Dragees. Schließlich entschied sie sich für einen zartrosa glänzenden Kaugummi mit Erdbeergeschmack, der die höchste Festigkeit von allen aufwies.

Nach wochenlanger Vorbereitung sollte heute der große Tag sein. Ploppi hatte in der Nacht vor Aufregung kaum geschlafen, trotzdem sprang sie frühmorgens aus dem Bett und verschwand nach dem Frühstück gleich auf den Spielplatz, wo sie alle ihre Freunde und alle Kinder aus dem Viertel für heute herbestellt hatte. Es waren sogar die großen Jungen mit ihren Smartphones gekommen.

Ploppi stellte sich auf die Holzbrücke, wo alle sie sehen konnten, und griff in ihr Handtäschchen. Sie hatte ihr Taschengeld von drei Wochen komplett in Kaugummis investiert und ihr Täschchen war bis zum Rand mit ihnen gefüllt. Nun nahm sie sich einen, wickelte ihn aus dem Papier und steckte ihn in den Mund. Sie kaute ihn weich und probierte zwei kleine Kaugummiblasen, die mit einem lauten „Plopp“ zersprangen. Ehrfurchtsvoll schauten die auf dem Spielplatz versammelten Kinder zu ihr hoch und wurden ungeduldig. Ein paar kleinere Kinder kletterten die Holzbrücke hoch und setzten sich zu ihren Füßen, um besser sehen zu können.

Ploppi griff erneut in ihr Handtäschchen, holte den nächsten Kaugummi heraus, wickelte ihn aus und ließ ihn in ihrem Mund verschwinden. So fuhr sie fort, bis ihre Backen aussahen wie aufgepustet, doch noch immer steckte sie weiterhin einen Kaugummi nach dem anderen in den Mund, bis sich in ihrem Täschchen nur noch die leeren Kaugummipapiere befanden.

„Aaaaachtng!“, rief sie mit vollem Mund. „Ef geht lof!“ Sie kaute noch einmal gründlich den gesamten Klumpen durch, streckte ihre Zunge heraus und blies. Und blies. Und blies. Immer größer und größer wurde die Kaugummiblase und immer größer und größer wurden die Augen der umstehenden Kinder und die großen Jungen machten mit ihren Smartphones ein Foto nach dem anderen oder filmten Ploppis Rekordversuch. Der Erdbeergeruch des Kaugummis erfüllte den gesamten Spielplatz. Und noch immer blies Ploppi und noch immer wurde die Kaugummiblase immer größer – und plötzlich geschah es: Während Ploppi in den Kaugummi blies und die Kaugummiblase immer größer wurde, erhob sich Ploppi langsam, ganz langsam in die Luft. Eines der umstehenden Kinder reagierte schnell und hängte sich an Ploppis Füße, doch nun schwebten sie zusammen nach oben. Ploppi blies immer weiter. Sie stiegen immer höher. Immer mehr Kinder hängten sich an die Füße des jeweils vorigen Kindes, doch so sehr sie versuchten, Ploppi wieder hinab zu ziehen, es gelang ihnen nicht. Ploppi stieg indes immer höher. Sie war schon an den Baumwipfeln vorbeigeschwebt, an den Hausdächern, an den Vögeln, die gerade Richtung Süden flogen, hatte nun auch die Wolken hinter sich gelassen und schwebte geradewegs auf das Weltall zu. Ihr Kopf durchstieß die Erdatmosphäre. Sie befand sich im Weltall und sie sah um sich herum die Sterne funkeln und glitzern. Langsam fühlte sie, während sie immer noch in den Kaugummi blies, dass der Kaugummi nun langsam zum Ende kam. Sie hörte auf zu pusten und schlagartig hörte die Kaugummiblase auf zu steigen. Als Ploppi hinunterschaute, war der Spielplatz so klein, dass sie ihn gar nicht mehr sehen konnte. Stattdessen sah sie die Kette aus Kindern, die an ihr hing und so lang war, dass sie ihr Ende nicht sehen konnte. Tatsächlich reichte die Kette genau bis auf den Spielplatz. In dem Moment, als sich das letzte Kind an die Kette gehängt hatte, hatte die Kaugummiblase aufgehört, zu steigen.

Ratlos schaute Ploppi sich um. Wie sollte sie wieder hinunter zur Erde gelangen? Die Sterne sausten um sie herum und versuchten, sie zum Spielen zu überreden. Aus ihren Schweifen sprühte dabei funkelnder Sternenstaub, der alle Kinder zum Glitzern brachte. Ploppi griff nach der Kaugummiblase, sodass sie die Kaugummiblase wie einen riesigen Ballon in der Hand hielt und den Mund zum Sprechen wieder frei hatte. „Was machen wir nun?“, fragte sie ratlos.

„Wir brauchen eine Nadel, damit wir ein Loch in die Kaugummiblase stechen können“, schlug ein Kind vor.

„Nein, dann zerplatzt die Blase und wir fallen alle auf die Erde“, rief ein anderes.

„Ich kenne einen Trick“, sagte Ploppi. „Ich brauche dafür einen Streifen Klebeband und eine Nadel.“

Und einer zum nächsten – wie bei der stillen Post – gab weiter, dass Ploppi einen Streifen Klebeband und eine Nadel brauchte. Und als die Stille Post auf dem Spielplatz ankam, hatten sich schon die besorgten Mütter und Väter der Kinder eingefunden. Ploppis Mutter hatte tatsächlich eine Nadel und einen Streifen Klebeband dabei, die sie eilig den Kindern gab, damit sie beides nach oben weiterreichen konnten. Und Ploppi klebte das Klebeband auf den Kaugummi-Ballon und stach dann mit der Nadel hindurch. Wie sie es von normalen Luftballons kannte, entschwand die Luft so langsam aus dem Kaugummi, dass sie ganz sanft dem Boden entgegenschwebten und sicher landeten.

 

„Schade, dass niemand ein Foto von meiner Kaugummiblase gemacht hat, als sie am allergrößten war“, sagte Ploppi abends. Sie hatte sich bei ihrer Mutter, die auf der Couch saß, angekuschelt.

„Pssst“, sagte ihre Mutter und legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Die Nachrichten fangen jetzt an.“

Die Nachrichtenmelodie ertönte und verstummte wieder.

„Guten Abend, meine Damen und Herren“, begann der Nachrichtensprecher. „Im Weltall wurde heute die allergrößte Kaugummiblase gesichtet. Mit unseren Satelliten konnten wir folgendes Foto aufnehmen.“

Im Fernsehen erschien ein Foto von Ploppis zartrosa glänzender Kaugummiblase, als sie am allergrößten war. Auch Ploppi und die Kinderkette waren ganz deutlich zu sehen. Ploppi strahlte über das ganze Gesicht. Plötzlich hörte sie ein Zischen aus ihrer Hosentasche und als sie hineingriff, hielt sie einen funkelnden, Glitzerstaub versprühenden Stern in der Hand. Er musste sich im Weltall in ihre Hosentasche verirrt haben und lächelte sie jetzt an. Und da war sich Ploppi sicher, dass sie diesen Tag niemals vergessen würde.

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